Kunst

Begegnungen zwischen Mensch und Tier: Das Archäologische Museum zeigt „Urformen. Eiszeitkunst Europas“

Ganz in der Nähe der Fundstelle des Löwenmenschen stieß man in einer der beiden Höhlen beim Hohlenstein im Lonetal

Begegnungen zwischen Mensch und Tier: Das Archäologische Museum zeigt „Urformen. Eiszeitkunst Europas“

Ganz in der Nähe der Fundstelle des Löwenmenschen stieß man in einer der beiden Höhlen beim Hohlenstein im Lonetal auf eine Menge von Bärenknochen. Vermutlich hielten Bären hier ihren Winterschlaf. Zumindest zeitweise müssen sich hier in der Eiszeit aber auch Menschen aufgehalten haben und vielleicht schnitzten sie hier jene Tierfiguren, die uns heute angesichts ihres Ausdrucks und der Fertigkeit, die es für ihre Herstellung brauchte, erstaunen. Man kann sich diese Nähe zwischen Menschen und Tieren nur schwerlich vorstellen. Nicht zuletzt, weil die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung „Urformen. Eiszeitkunst Europas“ im Archäologischen Museum Colombischlössle von drei großen Postern empfangen werden, die den Höhlenbären, das Wollhaarmammut und den Höhlenlöwen vorstellen. Die Bilder sind sichtlich mit KI generiert, doch die Maße der Tiere sprechen für sich: dreieinhalb Meter war der Höhlenbär lang, der Höhlenlöwe, der sich trotz seines Namens, vor allem in der Grassteppe aufhielt und vor 12.000 Jahren ausstarb, immerhin zwei Meter. Will man einem solchen Koloss von Bären nahe sein, selbst wenn er Winterschlaf hält? Doch die Form der Tierfiguren ist so auf das Charakteristische reduziert, dass es diese Nähe gegeben haben muss, um Kenntnis von ihrem Leben zu haben.
Die Fundorte der „Urformen. Eiszeitkunst Europas“ sind überwiegend Höhlen am Flusslauf der Donau auf der Schwäbischen Alb. Seit 2017 werden sie und die Eiszeitkunst in der Liste des Unesc o-Welterbes geführt. Die Ehre kommt nicht von ungefähr. Der Löwenmensch etwa ist die Figur, die als erste überhaupt mit religiösen Vorstellungen in Verbindung gebracht wird. Die Ausstellung nimmt im Archäologischen Museum zwar nur zwei Räume ein, doch führt sie in einen sehr fremden Kosmos. Um die sechs Grad muss es vor etwa 40.000 Jahren kälter gewesen sein als heute, Gletscher nahmen wesentlich mehr Raum ein, das Land bestand aus Steppe. Im hinteren Raum sind die wichtigsten Höhlen der Schwäbischen Alb mit ihren Funden dargestellt. Ganz ähnliche Flötentöne wie im Museum könnten durch sie gehallt haben, sie stammen von einer rekonstruierten eiszeitlichen Flöte. Die Schau besteht weitgehend aus Nachbildungen, einige davon darf man anfassen, es sind wahre Handschmeichler. Auch der Löwenmensch ist eine Replik. Seit er vor einigen Jahren durch gefundene Splitter aus Mammutstoßzähnen erweitert und neu zusammengesetzt wurde, misst er gut 30 Zentimeter. Damit sticht er allein durch seine Größe heraus, doch es ist auch die aufrechte Haltung, die das Wesen, dessen Kopf und Gliedmaße einer Raubkatze ähneln, so besonders macht. Es gibt auch weitere Mischwesen, den sogenannten Adoranten, doch meist sind uns figürliche Tierdarstellungen überliefert oder Frauenfiguren, die durch die Betonung von Busen, Hüfte und Hintern fast schon abstrakt wirken. Ein Wasservogel ist hier auch zu sehen, nur wenige Zentimeter groß und so langestreckt als würde er tauchen. Und auf einem Lochstab, der möglicherweise zum Seilmachen diente, sind zwei Rentiere eingeritzt.
Der Titel der Ausstellung „Urformen“ klingt schlicht und legt nahe, dass wir es mit archetypischen Darstellungen zu tun haben. Tatsächlich fällt auf, wie eigenwillig diese Figuren sind. Der Löwenmensch etwa wirkt wach und präsent, die Tiere erkennen wir heute auf Anhieb. Es sei denn sie sind lediglich fragmentarisch erhalten – organisches Material wie Mammutelfenbein, Knochen oder Geweih zerfällt in konzentrischen Ringen. Die eiszeitlichen Kunstschaffenden müssen bereits sehr versiert gewesen sein, in dem, was sie machten. Die experimentelle Archäologie hat gezeigt, dass man heute mit den gleichen Werkzeugen vier Monate bräuchte, um den Löwenmenschen aus Elfenbein zu schnitzen. Zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler, die diese Kleinfiguren nachbildeten, haben sich sichtlich von ihrer Lebendigkeit inspirieren lassen. Ein eiszeitlicher aufrechtstehender Bär, dem Gliedmaßen fehlen, wirkt in der zeitgenössischen Version ganz freundlich und entspannt.

Urformen. Eiszeitkunst Europas. Archäologisches Museum, Colombischlössle, Rotteckring, 5. Di-So 10-17 Uhr, Mi 10-19 Uhr. Bis 08.03.2026.

Bild: Blick in die Ausstellung © Patrick Seeger

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Annette Hoffmann