Kolumne Nachhaltig

Der heimliche Atom-Influencer im Herzen Moskaus

„Proglio lehnt Forderungen nach der Schließung von Fessenheim ab“ titelte die größte Wirtschaftszeitung Frankreichs fünf Tage nach Fukushima. Wer

Der heimliche Atom-Influencer im Herzen Moskaus

„Proglio lehnt Forderungen nach der Schließung von Fessenheim ab“ titelte die größte Wirtschaftszeitung Frankreichs fünf Tage nach Fukushima. Wer ist dieser Atom-Hardliner von damals? Was treibt er heute in Moskau, im Herzen von Putins Macht? Warum scheut er das Licht der Öffentlichkeit? Und was hat er mit der Plünderung unserer öffentlichen Kassen zu tun?
„Er ist die Bestie“ sagt die Nuklear-Rivalin, während sie im Film „Die Gewerkschafterin“ den Finger auf Proglios Konterfei legt, neben der Schlagzeile: „Proglio lehnt Forderungen nach der Schließung von Fessenheim ab“. Damals herrschte Chaos in Fukushima, die öffentliche Meinung setzte Fessenheim massiv unter Druck, doch der EDF-Boss wollte keinen Millimeter nachgeben.
Alles Vergangenheit? Keineswegs. „Für die enge Verbindung zwischen der französischen und der russischen Atomindustrie steht nicht zuletzt Henri Proglio“, der Ex-Chef der Électricité de France EDF, „der bis heute im internationalen Beirat von Rosatom sitzt.“ schrieb der Tagesspiegel im März 2022 auf der Suche nach Antworten auf die Frage: „Warum bleibt die Atom­industrie verschont?“, bei jedem Russland-Sanktions-Paket.

Atom-Know-how-Transfer nach China
Der heimliche Atom-Influencer meldete sich kürzlich aus dem Off: Man solle den EPR-Reaktor – dessen Bau-Start in Hinkley Point mit chinesischer Hilfe er selbst genehmigt hatte – einstampfen. Und auch die Pläne für den EPR2 stoppen. Die Erneuerbaren sowieso. Die Altmeiler sollten so lange laufen, bis ein AKW mittlerer Leistung entwickelt sei. Das Verscherbeln von Know-how für exakt diese Technik nach China hat er selbst zu verantworten, daraus entwickelte sich der Staatsskandal um die Gewerkschafterin. Jetzt also wieder „mittelgroß“. Und bis dahin? Mit der Altmeilerflotte die erneuerbare Konkurrenz aus dem Markt halten. Proglios Pläne sind deckungsgleich mit denen der französischen Rechten.
Seit nunmehr neun Jahren unterhält Henri Proglio in Moskau, mehrere Beraterbüros, verdient kräftig mit an Putins Krieg und fädelt obskure Atom-Deals ein. Pikant, denn er ist in die strengsten Geheimnisse der Atommacht Frankreich eingeweiht. Er kann zwar Geheimnisse für sich behalten – selbst gegenüber dem Untersuchungsausschuss verschwieg er seine lukrativen Russland-Aktivitäten – aber ob das immer zum Wohle von Frankreich bzw. Europa geschieht, ist fraglich.

AKW für Diktator Gaddafi
„Ein Mensch mit starker Hand und einem schroffen Charakter.“ So beschreibt die Investigativ-Reporterin Caroline Michel-Aguirre, im Buch „Die Gewerkschafterin“ den Mann, der von Nicolas Sarkozy auf den Thron der EDF gehievt worden war. Gemeinsam hatten sie einst versucht, AKWs an den Libyschen Diktator Gaddafi zu verhökern, damit dieser im Gegenzug geldschränkeweise Wahlkampfhilfen nach Paris schickt. Sarkozy, dem präsidialen Hochleistungs-Außendienstmitarbeiter der staatlichen Atomwirtschaft, wurde seine Mitgliedschaft in einer „kriminellen Vereinigung“ nun gerichtlich bestätigt. Die Libyen-Affäre machte Schlagzeilen, den Atom-Deal dahinter hat die deutsche Presse kaum durchdrungen.
Der Ex-Präsident sitzt inzwischen hinter schwedischen Gardinen. Der Ex-Atom-Boss hinter diskret verschlossenen, russischen Türen. Auch nach wie vor im internationalen Beirat von Rosatom, dem Atom-Konglomerat, das von Putin als geopolitisches Instrument zur Ausweitung seines Einflusses in Europa genutzt wird. Wie wirksam der Undercover-Netzwerker hinter den Kulissen die Strippen zieht, damit durch keines der Sanktionspakete die Nuklearkrake Rosatom mit ihren 450 Armen in Mitleidenschaft gezogen wird, ist intransparent.

Erdoğans russische AKW
Erst kürzlich konnte Proglio vor dem Pariser Strafgericht den Kopf aus der Schlinge ziehen – es ging um Millionenschwere Beraterverträge. Er und sein Bruder René spielten auch eine unrühmliche Rolle bei der EnBW-Affäre, über die Ex-Ministerpräsident Mappus stolperte und die die Steuerzahler im Ländle Milliarden kostete. Proglio ist nach wie vor auf freiem Fuß und pendelt monatlich zwischen Paris und Moskau. Seit dem Flugverbot reist er über Serbien oder die Türkei. Wie praktisch, ist Proglio doch auch Mitglied des Verwaltungsrats der türkischen Rosatom-Tochter, die für die lupenreinen Freunde Putin und Erdoğan vier AKW in die anatolische Erdbeben-Idylle von Akkuyu setzt. Proglio hat weder Probleme mit tektonischen noch mit gesellschaftlichen Verwerfungen.

„Sein Freund“, Putins Mastermind
Schon 2010, als EDF-Chef, fädelte Proglio diverse Kooperationen mit der Russischen Energie-Wirtschaft ein. Besonders bemerkenswert sind seine Verbindungen zu Sergej Kirijenko, seinerzeit Chef von Rosatom. Für EDF und Rosatom unterzeichneten sie 2010 ein Kooperationsabkommen. Es wurde mit großem Pomp unterzeichnet, sogar der damalige Präsident Sarkozy warf durch seine Anwesenheit den nötigen Glanz auf seinen Protegé. „Von diesem Tag an stellte Henri Proglio Kirijenko als seinen Freund vor ”, äußerte ein ehemaliger EDF-Manager.
Etwa zur gleichen Zeit trat Proglio dem Internationalen Verwaltungsrat von Rosatom bei. Sein Freund Kirijenko, ist zum Top-Vertrauten Putins aufgestiegen. Er gilt als sein möglicher Nachfolger und Chef-Propagandist, der die Einflussnahme auf Frankreich steuern soll, um „die westliche Unterstützung für die Ukraine im Krieg zu untergraben”. Putins Mastermind Kirijenko steuert sensible Operationen, von manipulierten Referenden über Internet-Zensur, bis hin zur Einführung von Putins Ideologie in Schulen.
Schon zur Zeit, als Proglio EDF-Chef und Kirijenko Rosatom Chef waren, gehörten die Rosatom-Töchter zu den wichtigsten Lieferanten von angereichertem Uran. Mit dieser Import-Abhängigkeit und diskreten, einflussreichen westeuropäischen Verbündeten soll die Atomkraft aus den EU-Sanktionen rausgehalten werden.

Rosatoms Geostrategie für weltweite Abhängigkeit
„Rosatom ist das einzige Unternehmen weltweit, das über alle Technologien des nuklearen Brennstoffkreislaufs verfügt, vom Uranabbau bis zum Betrieb kerntechnischer Anlagen.“ Das Atomkonglomerat beschäftigt 420.000 Mitarbeitende und gab einst das Ziel aus, sich als Weltmarktführer in der gesamten nuklearen Prozesskette zu etablieren.
Auf der Website heißt es: „Im Oktober 2014 errichtete ROSATOM mit der Eröffnung ihrer französischen Tochtergesellschaft […] ihr westeuropäisches Operationszentrum in Paris.“ Von dort werden Rosatom-Aktivitäten in Frankreich, der Schweiz, Deutschland und weiteren EU-Ländern koordiniert. Diese Verflechtungen machen es schwer nachvollziehbar, wie manche hinausposaunen, man könne ja noch ein bisschen in Atomkraft machen, um Importabhängigkeiten zu umgehen.

Die ungekürzte Fassung dieser Recherche: www.eva-stegen.de/blog.html

Bild: Abb. Bildmontage: vor Moskauer Kulisse von l:
Sergej Kirijenko, Vladimir Putin, Henri Proglio, Nicolas Sarkozy, Dimitri Medwedew © Eva Stegen

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