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Nach mir die Sintflut: Weshalb Kürzungen in Etats zur Entwicklungszusammenarbeit Leben gefährden – andernorts und in Deutschland

Erstmals schrieben US-amerikanische Ärzte im Juni 1981 über eine Krankheit, die sich zunächst als seltene Form einer Lungenentzündung tarnte.

Nach mir die Sintflut: Weshalb Kürzungen in Etats zur Entwicklungszusammenarbeit Leben gefährden – andernorts und in Deutschland

Erstmals schrieben US-amerikanische Ärzte im Juni 1981 über eine Krankheit, die sich zunächst als seltene Form einer Lungenentzündung tarnte. Wenige Zeit später entpuppte sie sich als eine der tödlichsten Pandemien unserer Zeit. Fieber, geschwollene Lymphdrüsen, ein schwächelndes Immunsystem und Kaposi-Sarkom, eine Krebsart, bei der u.a. zahlreiche braun-bläuliche Flecken die Haut bedecken, prägen das Krankheitsbild. Die meisten Pantient:innen erliegen dem unbekannten, tödlichen Virus. 1982 erhält es schließlich seinen Namen: Acquired Immune Deficiency Syndrome, kurz AIDS.
Im selben Jahr tauchen auch in Deutschland die ersten Fälle auf. Menschen auf der ganzen Welt erkranken an dem tödlichen Virus, unter ihnen große Namen die das Bild dieser Krankheit prägen sollten und damit auch die Stigmatisierung, mit der sich Betroffene bis heute konfrontiert sehen. Rock Hudson, Schauspieler und Schwiegermuttersliebling der 1950/60er Jahre, starb 1985 an dem Virus – gab ihm sein Gesicht. Zuvor führte er ein Doppellleben, sah sich gezwungen seine Homosexualität zu verheimlichen, um seinem Image als Frauenheld in Hollywood gerecht zu werden. Spätestens Ende der 1980er Jahre war Aids ein globales Problem – es betraf nicht mehr nur Minderheiten und/oder stigmatisierte Randgruppen, sondern war in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Kondome feierten Hochkonjunktur – auch, weil sich das Virus u. a. während des ungeschützten Geschlechtsverkehrs überträgt. Bis heute gelten Kondome als sicherer Schutz vor dem zerstörerischen Virus und spielen eine wichtige Rolle in der Aufklärungs- und Präventionsarbeit im HIV-Schutz.
Und sind deshalb essenziell für jene Regionen, die auch heute noch besonders mit dem Virus zu kämpfen haben. Denn weltweit sind laut aktuellen Zahlen rund 40 Millionen Menschen mit HIV infiziert. Zwei Drittel aller HIV-Infizierten leben in Afrika, etwa 460 000 Menschen sterben hier jährlich an den Folgen der Erkrankung. Denn während sich die Lage in den Industrienationen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich stabilisiert hat (Einschub: 2024 meldet das RKI 2300 Neuinfektionen in Deutschland – knapp 10 Prozent mehr als im Vorjahr), sind es heute vor allem die armen, von Krieg und Hunger gezeichneten Gegenden dieser Welt, in denen das Virus wütet. Nicht, weil es keine wirksamen Möglichkeiten zur Bekämpfung, Therapie und Prävention gäbe – sondern weil schlicht und einfach die finanziellen Mittel fehlen.
Oder eben einfach gestrichen werden. Denn bislang machte man deutliche Fortschritte beim Kampf gegen den Virus. Seit 2010 ist die Sterblichkeit in vielen Ländern deutlich zurückgegangen, Millionen Menschen erhielten eine lebensrettende antiretrovirale Therapie, die die Lebenserwartung erhöhte. Aufklärung und die Ausgabe von Präventionsmitteln wie Kondomen halfen bei der Eindämmung.
Nun sehen Expert:innen die Arbeit von Jahrzehnten in Gefahr. Anfang des Jahres verhängte US-Präsident Trump einen Zahlungsstopp – die USAID wurde dauerhaft geschlossen, das Programm PEPFAR fror wortwörtlich von heute auf morgen ein. Bis dato stellten die USA beinahe zwei Drittel der internationalen HIV-Finanzierungsmittel – auch die anderen vier größten Geberländer Frankreich, Niederlande, Deutschland und England reduzierten ihre Mittel merklich. Ganze Therapiezentren stehen vor dem Aus, viele Landstriche sind bereits nicht mehr mit Medikamenten versorgt.
Darüber hinaus spielt ein weiterer Faktor eine Rolle: Nicht nur die Gelder für die Aids-Hilfe werden knapp. Global nehmen die Budgets für Entwicklungszusammenarbeit ab, das Geld wird in andere Etats verlagert. Ganze Ernährungsprogramme sind zusammengebrochen. Menschen, die keine Lebensmittel mehr haben, können auch ihre HIV-Medikamente nicht einnehmen. Sind gezwungen, ihre Therapie abzubrechen. Schließlich wirkt sich Mangel­ernährung auf die Nebenwirkungen der Medikamente aus, verstärkt sie deutlich.
Sollte die Finanzierung nicht zeitnah abgesichert sein, deuten aktuelle Modellrechnungen darauf hin, dass wir allein in Afrika bis 2030 mit sechs Millionen Neuinfektionen und vier Millionen Toten rechnen müssen.Der Ausbruch eines längst zu therapierenden Virus wirkt wie ein Mahnmal für den anhaltenden Egoismus unserer Zeit – kurzsichtig, beinahe biblisch. Nach mir die Sintflut, oder eben die Pandemie.

Bild: © aidshilfe

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Elisabeth Jockers