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Der Garten ist kein Paradies: Für Yana Thönnes sind in „Der zerbrochne Krug“ am Theater Freiburg die Tage des alten Adam gezählt

Bis Marthe Rulls Krug den letzten entscheidenden Schlag abbekommt, hat er schon einiges gesehen und erlitten: die Herrschaft Spaniens

Der Garten ist kein Paradies: Für Yana Thönnes sind in „Der zerbrochne Krug“ am Theater Freiburg die Tage des alten Adam gezählt

Bis Marthe Rulls Krug den letzten entscheidenden Schlag abbekommt, hat er schon einiges gesehen und erlitten: die Herrschaft Spaniens über die Niederlande, den Guerillakrieg der niederländischen Wassergeusen, einen verheerenden Brand in Utrecht. Man darf davon ausgehen , dass in all diesen Jahren Macht missbraucht, Frauen gefügig gemacht und vergewaltigt wurden. Ihre Tochter Eve ist also kein Einzelfall. Umso dringender ist, dass damit ein für alle Mal Schluss ist. Yana Eva Thönnes hat Kleists „Der zerbrochne Krug“ aus dem 17. Jahrhundert in die Gegenwart übertragen und als Akt einer ultimativen Emanzipation von allen (elterlichen) Autoritäten als Pyjama-Party inszeniert.
Auf der schmalen Bühne des Großen Hauses im Theater Freiburg steht ein Bett, Kingsize, verziert wie eine Torte, das, wäre es nicht so weiß, auch etwas von einem Katafalk hätte. Dieses Bett ist – wie die Kostüme auch – Sinnbild für eine Ambivalenz. Es verspricht eine verspielte, neugierige Sinnlichkeit und Lust, kann aber auch den männlichen Blick nicht verleugnen. Bis auf Elisa Dillier, die neutral wirkende Leggings mit Oversize-Oberteil trägt (allerdings mit dem Aufdruck Swan Lake), sind alle anderen aufgerüscht, tragen Pastelltöne und Lingerie. Jana Baldovino sieht aus als sie sei dem Ballett Schwanensee entsprungen. Diese ganzen Unterkleider, Babydolls und Schleifen wirken wie aus den 1950er Jahren, aber in die Gegenwart hineingestolpert (Bühne und Kostüm: Katharina Pia Schütz). Und was in den nächsten eineinhalb Stunden zu hören und zu sehen sein wird, ist einerseits ein Versuch, die Opferrolle hinter sich zu lassen, indem Eve (Jorid Luakczik) die Freundinnen zu einer Art Reenactment einlädt, andererseits ist es aber Kleist. Nicht als Lustspiel, denn Thönnes lässt Adam nicht das Schlupfloch, dass Gerichtsrat Walter, nicht zu strafen gekommen ist, sondern nur einen Eindruck von den Verhältnissen in Huisum gewinnen will. Aber als Kriminalfall. Das Liebesgeplänkel zwischen Eve und Ruprecht klingt wie eine Erinnerung an bessere Tage, auf ein Black folgt flatterndes Licht, Windstöße bewegen die Vorhänge, ein Schrei und ein ungemütlicher Sound wie das Dröhnen einer Lüftung.
Und da sich Spiel und Text nicht decken – sieht man davon ab, dass Richter Adam (Laura Palacios) einmal rittlings auf der liegenden Eve sitzt, was sich am Ende etwas variiert umdrehen wird – hört man sehr genau hin. Und wie das Ensemble (Anja Schweitzer, Jorid Lukaczik, Laura Palacios, Hale Richter, Elisa Dillier und Jana Balldovino) diesen Text spricht, setzt einen auf die Spuren Adams. Kleists Sprache klingt in dieser Inszenierung so klar und frisch. Der Text ist gekürzt, umgebaut, mitunter wiederholt er sich, dadurch ist es ohne Textkenntnisse schwierig zu folgen.
Was in Eves Zimmer passiert, bleibt in Eves Zimmer. Nur drei große Plüscheisbären sind Zeugen. Die Freundinnen räkeln sich, kichern, hüpfen auf dem Bett, Baldovino, die ausgebildete Tänzerin ist, macht im Tutu mehrmals ein Paar Jetés durch den Raum, anfangs fallen die Mädchen in albernes Englisch (You are Licht, he is so smart and handsome). Sie kriechen unters Bett, spielen Verstecken. Weniger harmlos: wenn Adam Eve am Bein über den Boden zieht. Überhaupt, welche Identität haben die Figuren, sind sie Freundinnen Eves oder haben sie mittlerweile die Rollen Kleists übernommen? Doch in der Tiefe der Bühne, abgetrennt durch eine Reihe von Gardinen, fallen unentwegt Schneeflocken in die Dunkelheit. Eve glaubt man zu sehen, die verstört vor jemandem flieht, später wird jemand mit einem Eisbärkopf auszumachen sein und auch ein weiterer Bär. Es ist der Garten, in dem Adam Eve ein Einverständnis abzuringen versucht und durch den er später fliehen wird. Bei Kleist ist es ein pervertiertes Eden, bei Thönnes ist Adam ein Teufel und Eve das Opfer, dem niemand glaubt. Doch dabei bleibt es nicht. Eine Inszenierung, die zum Diskutieren anregt.

Weitere Vorstellungen: 4./9./17. und 28. Dezember, Großes Haus, Theater Freiburg.

Foto: Jana Baldovino, Jorid Lukaczik, Elisa Lynn Dillier, Laura Palacios Bild: Philip Frowein


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Annette Hoffmann