Der Januskopf der Postwachstumsökonomie: Niko Paech legt Update von „Befreiung vom Überfluss“ vor
Der Volkswirt Niko Paech erregte 2012 und in der Folgezeit mit seinem eher schmalen Bändchen „Befreiung vom Überfluss“ größeres
Der Volkswirt Niko Paech erregte 2012 und in der Folgezeit mit seinem eher schmalen Bändchen „Befreiung vom Überfluss“ größeres Aufsehen. Darin umriss er die Voraussetzungen eines künftigen resilienten, Mensch und Natur versöhnenden Wirtschaftens „jenseits des hegemonialen Industrie- und Technikkomplexes“ und verband dies mit einer fundamentalen Kritik der modernen Konsumgesellschaft. Er etablierte damit den Begriff Postwachstumsökonomie, unter dem heute alle diesbezüglichen Forschungen und Debatten subsumiert werden. Heute lehrt Paech als außerplanmäßiger Professor im Bereich Plurale Ökonomie an der Universität Siegen.
Der nun in diesem Jahr unter dem gleichen Titel im Oekom Verlag erschienene Band stellt ein erweitertes Update dieser damaligen Grundlegung dar.
Die drei Thesen
Paech gründet in der Einleitung seine Vorstellungen einer künftigen Postwachstumsökonomie wesentlich auf drei Thesen.
Erstens: Unsere heutige, fälschlicherweise als Wohlstand und als stetige „Abfolge von Effizienzfortschritten oder anderweitiger menschlicher Schaffenskraft“ begriffene Konsumgesellschaft sieht er stattdessen als das „Resultat einer umfassenden ökologischen Plünderung“ und existenziell auf fortwährendes und weiterhin ökologisch destruktives Wirtschaftswachstum angewiesen. Die Menschen lebten „über ihre Verhältnisse“, denn sie „entgrenzen ihren Bedarf von den gegenwärtigen Möglichkeiten, …den eigenen körperlichen Fähigkeiten und von den lokal oder regional vorhandenen Ressourcen“.
Zweitens: Sämtliche Vorstellungen „wirtschaftliches Wachstum durch technische Innovationen von ökologischen Schäden zu entkoppeln, sind bestenfalls zum Scheitern verurteilt“.
Drittens: Eine alternative Postwachstumsökonomie „würde zwar auf eine drastische Reduktion der industriellen Produktion und des Technologieeinsatzes hinauslaufen, aber die… ökonomische Stabilität der Versorgung (Resilienz) stärken…keine Verzichtsleistung darstellen, sondern sogar die Aussicht auf mehr Lebensqualität eröffnen.“
Diese Grundthesen unterfüttert er im Einzelnen durchaus überzeugend auf vielen Seiten materialreich und gut lesbar. Er liefert damit ein anschauliches Bild der apokalyptischen Kursrichtung des gegenwärtigen kapitalistischen globalen Wirtschaftens. Soweit – so gut!

Umrisse einer Postwachstumsökonomie
Niko Paech bezeichnet die von ihm propagierte Postwachstumsökonomie als ein „integratives Konzept“. Es beruht auf einer „Theorie der Subsistenz (Selbstversorgung unter Ausschaltung profitorientierter Marktgesetze), Suffizienz (umfangreiche Reduktion des Ressourcenverbrauchs durch bewusste Konsumeinschränkung mittels Hinterfragung vermeintlicher Bedürfnisse) und durch weitgehende Reduktion industrieller Kapazitäten.“
Als Folge dementsprechender Rückbauprogramme sinke das Volumen der volkswirtschaftlich erforderlichen „kommerziellen“ Erwerbsarbeit. Dies wiederum ermögliche durch Umverteilung eine Herabsetzung der durchschnittlichen Arbeitszeit auf etwa 20 Stunden pro Woche, die ein „maßvolles monetäres Einkommen, das genügsamen Konsum und andere Lebenshaltungskosten abdecken könnte“. Die dadurch gewonnenen restlichen 20 Stunden schafften die Basis für „finanziell entlastende Suffizienz“ durch „Nutzungsdauerverlängerung, Gemeinschaftsnutzung sowie eigene Produktion“.
Hierbei wird Paech durchaus konkret und nennt zahlreiche bereits keimhaft vorhandene
lokale oder regionale Wertschöpfungsketten, die durch Tauschringe, Netzwerke der Nachbarschaftshilfe, Reparaturcafés oder kommunale Ressourcenzentren verbunden sind. Als bereits fortgeschrittenes Beispiel führt er die mehr als 500 unter dem Begriff „Solidarische Landwirtschaft“ (SoLaWi) zusammengefassten ökologischen Agrarbetriebe an. Selbstverwaltete Regionalwährungen wie der „Chiemgauer“ oder der „Bremer Roland“ und deren Verbreitung könnten derartige Entwicklungsprozesse katalysieren. Versehen mit einer zinslosen Umlaufsicherung oder gar einem Negativzins bei Hortung über einen festgelegten Zeitraum hinaus könnte monetären Spekulationen ein Riegel vorgeschoben werden. All dies könne und soll durch die bewusste individuelle Einübung einer resilienten Lebensführung eine immer größer werdende Zahl von Menschen hervorbringen, „die ohne kapitalistische Produktionsbedingungen auskommt“ und letztlich zum Systemwandel führt.
Für die dann noch verbleibende Restindustrie sieht Paech einen drastischen Umbau vor. Die permanente Neuproduktion von meist überflüssigen oder Einweg- Konsumgütern soll einer „Um- und Aufwertung vorhandener Produktbestände durch „Renovation, Optimierung, Nutzungsdauerverlängerung oder Nutzungsintensivierung“ weichen. Ab hier wird’s problematisch und gefährlich!
Fallgruben
Mögen bei Paech auch viele antikapitalistische Kritikpunkte im Einzelnen zutreffend benannt sein: Zwei fundamentale Stützpfeiler dieses zerstörerischen Wirtschaftssystems bleiben gänzlich unbehandelt: Das gesetzlich verbriefte Privateigentum an Produktionsmitteln und die damit verbundene Verfügungs- und Befehlsgewalt des Kapitaleigners über Art, Umfang und Distribution seiner Produkte und das über allem stehende Gebot der Profitmaximierung. Da diese unselige Konstitution aufs Engste zum gegenseitigen Vorteil bis hin zur Personalunion mit dem herrschenden politischen System verbunden ist, bedarf es zu dessen Überwindung einer radikalen politischen Transformation bis hin zur Enteignung. Dies umso mehr, weil sich gegenwärtig weltweit eine Kaste von „Anarchokapitalisten“ (sie nennen sich selbst so) formiert, die von Donald Trump, Peter Thiel, Elon Musk, Javier Milei, Mark Zuckerberg und anderen Akteuren des Silicon Valley bis hin zu den arabischen Scheichs reicht. Bei aller Unterschiedlichkeit streben diese und viele andere etwa auf diversen Weltwirtschaftsforen unisono den unbegrenzten Zugang zu natürlichen Ressourcen und deren Raubbau sowie eine möglichst umfassende Abschaffung einschränkender Arbeits- und Kontrollgesetze oder gewerkschaftlicher Rechte an und bezeichnen dies frech noch als „libertär“. Angesichts dessen – wie Niko Paech – ausschließlich auf eine allmählich wachsende individuelle Bewusstseinsbildung in kleinen Schritten bei breiten Teilen der Bevölkerung zu setzen, ist schon ein starkes Stück.
Ähnlich schwer wiegt die nicht vorhandene Abgrenzung seitens Paechs gegenüber rechtsradikaler Vereinnahmung seiner Theorien. Schon bald nach Erscheinen des ersten Entwurfs von „Befreiung vom Überfluss“ 2012 schrieb ein Landolf Ladig unter ausdrücklichem Verweis auf Niko Paech in der rechtsradikalen neonazistischen Zeitschrift „Volk in Bewegung“, dass sich die Postwachstumsökonomie „mit ihrer Wertschätzung für Regionalität, Vielheit, Unentfremdetheit und ihren Reformideen für ein neues Boden- und Geldrecht mühelos in die Weltanschauung der identitären Systemopposition integrieren“ lasse. (Quelle: Zeitschrift „ak“, Dezember 2019). Landolf Ladig gilt gesichert (unter anderem durch den Verfassungsschutz) als Pseudonym des AfD- Rechtsaußens Björn Höcke (siehe Wikipedia). Ebenso orientieren sich völkische Siedlungsprojekte in Mecklenburg-Vorpommern und in der Lüneburger Heide an den lokalen suffizienzorientierten Ideen.
Zu diesem Thema bis heute beredt zu schweigen ist ein Ding der Unmöglichkeit und es ist höchste Zeit, dass sich Niko Paech dazu unmissverständlich äußert.
So bleiben bis dato Paechs Postwachstumsideen schillernd und bieten zum großen Unterschied zur linken „Degrowth-Bewegung“ weit offene Einfallstore nach rechts. Jetzt ist Niko Paech am Zuge, Klarheit zu schaffen.





