Kunst

Richard Wagner und Mutter Parsifal: Die Ausstellung „Jonathan Meese: Gesamtkunstwerk Erzbuch!“ im Wilhelm-Hack-Museum

Es könnte das unaufgeräumte Jugendzimmer eines x-beliebigen Jugendlichen sein. Poster von Helden aus Film und Fernsehen an den Wänden,

Richard Wagner und Mutter Parsifal: Die Ausstellung „Jonathan Meese: Gesamtkunstwerk Erzbuch!“ im Wilhelm-Hack-Museum

Es könnte das unaufgeräumte Jugendzimmer eines x-beliebigen Jugendlichen sein. Poster von Helden aus Film und Fernsehen an den Wänden, dazu ein paar Models, ein Schuss Erotik, Abenteuerbücher, eine Darth Vader-Maske. Ein alter Röhrenfernseher verweist darauf, dass alle Zutaten aus der Zeit bis in die 1990er Jahre stammen. Tatsächlich ist das Ganze eine begehbare Collage und Teil der Ausstellung „Jonathan Meese. Gesamtkunstwerk Erzbuch! (Buch der Bücher)“, die bis zum 6. April im Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen gezeigt wird.
Meese, das grau gewordene enfant terrible der deutschen Kunstszene, wurde durch solche verspielt-chaotischen Installationen ebenso bekannt wie durch seine wallende Mähne und die Hitlergruß-Provokationen, an denen sich das deutsche Feuilleton zuverlässig abgearbeitet hat. Dabei will der Künstler nur spielen, zum Beispiel mit der Idee einer Diktatur der Kunst. Jonathan Meeses Inspirationen, seine skurrile Ideen- und Gedankenwelt, finden sich in den zahlreichen Heften und Büchern aus der Zeit von 1993 bis 2007, die das Wilhelm-Hack-Museum ausstellt. Schön unterteilt in Skizzen- und Zeichenbücher, Schulhefte für poetische Experimente, fantastische Abenteuer von Helden aus der Populärkultur wie dem Einsamen Cowboy, Zeichnungsromane, Material-, Performance- und Collagebücher und schließlich ausgewachsene Atlanten. In Schlangenleder-Imitat gebundene, dickleibige Wälzer mit goldgeprägten Titeln, die in einer Neuverfilmung von „Der Name der Rose“ locker als Teil der Klosterbibliothek mitspielen könnten.
Meeses Fantasie ist schier grenzenlos. Aus dem Bild des Komponisten Richard Wagner entwickelt er für sich selbst die Figur von Mutter Parsifal – Parsifal, der in Wagners gleichnamiger Oper die Gralsbruderschaft erlöst. Beinahe hätte der Künstler vor Jahren in Bayreuth „Parsifal“ inszenieren dürfen. Als klar wurde, was das bedeutet, traten die Bayreuther Festspiele zurück, Meeses Vorstellungen waren zu teuer, vielleicht auch zu schräg. Denn was das Hack-Museum da aufgeschlagen unter Glas und gerahmt an den Wänden ausbreitet, ist schon eigenwillig. Aus einer jugendlichen Begeisterung für Westernfilme stammen Ideen wie das „Duell zwischen Kakteen“. Für einfarbige Cowboy-Figuren aus Plastik schrieb Meese ganze Reden zu hochmögenden Themen.
Meeses Texte haben einen dadaistischen Beiklang, jedenfalls ergeben sie selten einen Sinn. „Zischt Euch a lot in Camelot“ zum Beispiel, eine Aufforderung, der man beim besten Willen nicht nachkommen kann. „Der Todesrochen wird euch in den Goldstromschnellen einiges blubbern“, da schimmert schon Meeses Faszination der Wallace-Verfilmungen aus den 1960er Jahren durch. In der Schau finden sich Titel, die nach Wallace klingen, aber Meese sind. Und Originaltitel wie „Der Frosch mit der Maske“ wirkten eindeutig auf das Gemüt des werdenden Künstlers. Für Meese gibt es keine Gewichtung in Hochkultur und Trash, für ihn steht das Stofftier gleichberechtigt neben Richard Wagner. Behauptet Meese zumindest. In der Schau, die der Künstler selbst als „die wichtigste bisher“ bezeichnet, findet man typische Pubertätsgeschichten wie die Poster von Sylvester Stallone als Rambo und die junge Jane Fonda, die den Betrachter genauso lasziv anschaut wie es die junge Brigitte Bardot auf einem weiteren Poster tut, neben historischen Plakaten aus den 1920er Jahren, die Werbung für Urlaub in Sils Maria machen. Sils Maria? Genau, der Philosoph Friedrich Nietzsche hatte dort ein Sommerhaus.
Insgesamt 100.000 Seiten und Blätter hat Meese mit Zeichnungen, Beschriftungen, Collagen versehen, ein unüberschaubares Konvolut voller Überraschungen. Das Hack-Museum hat sich dankenswerterweise die Mühe gemacht, ein Werkverzeichnis zu erstellen: „Jonathan Meese. Buch der Bücher“. Neben der erfrischenden Sinnfreiheit vieler Meese-Seiten wirkt manches auch wie ein nostalgischer Ausflug in die vermeintlich unkompliziertere Welt vergangener Jahrzehnte bis zurück in die 1960er, als Helden wie John Steed und Emma Peel mal eben so die Welt gerettet haben.

Jonathan Meese: Gesamtkunstwerk Erzbuch! (Buch der Bücher), Wilhelm-Hack-Museum, Berliner Str. 23, Ludwigshafen, Di-Fr 11-18 Uhr, Sa+So 10-18 Uhr. Bis 06.04.26

Bild: Für viel Wirbel sorgt Jonathan Meese in Ludwigshafen © Wilhelm-Hack-Museum

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Nike Luber