Ein Film, der Verantwortung neu verhandelt: Im Gespräch mit Anja Reiß aus Kirchzarten, Regisseurin des interaktiven Dokumentarfilms „Traces of Responsibility“
Mit „Traces of Responsibility“ bringt die Kirchzartner Regisseurin Anja Reiß einen interaktiven Dokumentarfilm nach Freiburg, der den Genozid an
Mit „Traces of Responsibility“ bringt die Kirchzartner Regisseurin Anja Reiß einen interaktiven Dokumentarfilm nach Freiburg, der den Genozid an den Tutsi 1994 in Ruanda und die Frage nach globaler Verantwortung neu verhandelt. Der Film führt das Publikum durch heutige ruandische Lebensrealitäten, erzählt von Versöhnung, Erinnerungskultur und internationalen Verflechtungen, und macht dabei erfahrbar, wie vielschichtig Geschichte sein kann. Nach der Weltpremiere beim Docville Festival in Leuven und weiteren Stationen bei internationalen Dokumentarfilmfestivals sowie der Auszeichnung mit dem DOK.digital Award 2025 läuft das Projekt nun im Kommunalen Kino Freiburg. Dort ist der Film am 14. und 15. Dezember, jeweils um 19 Uhr in einer interaktiven Vorführung zu erleben, begleitet von den Filmschaffenden und einem anschließenden Q&A. Zum Thema befragte Alisa Guschker die Regisseurin Anja Reiß.

Kultur Joker: Ihr Film „Traces of Responsibility“ behandelt den Genozid an den Tutsi in Ruanda, aber auch die Frage nach globaler Verantwortung. Was hat Sie persönlich dazu bewegt, dieses Thema in einem interaktiven Dokumentarfilm aufzugreifen?
Anja Reiß: Ausgangspunkt für unseren Film war die enge Verbindung zwischen der Schweiz und Ruanda, das über viele Jahre Schwerpunktland der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit war. Mit Augustin Ngirabatware, der in der Schweiz studierte und später wegen seiner Rolle im Genozid verurteilt wurde, bekam diese Verbindung ein konkretes Gesicht.
Ursprünglich wollten wir den Film klassisch erzählen: auf Spurensuche mit Ngirabatwares Sohn, der in der Schweiz geboren ist und den wir persönlich kennen. Als dieser Zugang nicht mehr möglich war, sind wir nach Ruanda gereist, um eine neue Filmidee zu entwickeln. Doch wir kamen nicht mit einer Idee zurück, sondern mit zahlreichen Geschichten. So entstand die Idee eines interaktiven Films.

Kultur Joker: Was hat Sie während der Recherchen besonders beeindruckt?
Anja Reiß: Uns hat vor allem beeindruckt, wie Ruanda seine Vergangenheit durch eine Politik der Versöhnung und Vergebung bewältigt: Täter und Überlebende haben so einen Weg gefunden, auf engstem Raum zusammenzuleben. Kunst und Kultur spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie schaffen Erinnerungsräume zur Reflexion. Am Gestaltungswillen der Jugend zeigt sich, wie Ruanda zu einem Land für alle Ruander wird, in dem alte Gruppenzugehörigkeiten an Bedeutung verlieren.
Kultur Joker: Das Publikum kann den Verlauf des Abends per App mitentscheiden. Gab es einen Moment während der Recherche, in dem Ihnen klar wurde, dass dieser Film interaktiv werden mussund welche neuen Perspektiven eröffnet diese interaktive Ebene im Vergleich zu klassischen Dokumentarfilmen? Inwiefern verändert die Interaktivität die Verantwortung der Zuschauer:innen?
Anja Reiß: Geschichte ist keine feste, abgeschlossene Wahrheit, sondern ein fortwährender Prozess der Geschichtsschreibung, der aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Fragmenten entsteht. Genau diese Vielschichtigkeit kann Interaktivität sichtbar machen. Die Zuschauer:innen treffen eigene Entscheidungen, wechseln Perspektiven und begegnen vielen Stimmen. Unser Ziel ist es, das Publikum nicht nur zuschauen zu lassen, sondern es mitten in diese Komplexität hineinzuziehen und so zur aktiven Auseinandersetzung einzuladen.

Kultur Joker: Ihr Projekt wurde bereits international gezeigt und ausgezeichnet. Welche Rückmeldungen aus dem Publikum haben Sie besonders bewegt oder überrascht? Wie unterscheidet sich die Rezeption in verschiedenen Ländern?
Anja Reiß: Die Reaktionen des Publikums waren von Land zu Land sehr unterschiedlich, doch fast immer führten die interaktiven Vorstellungen zu intensiven Diskussionen über Verantwortung und Erinnerung.
Bei der Weltpremiere in Belgien, der ehemaligen Kolonialmacht Ruandas, hat das Publikum zunächst das Kolonialmuseum besucht. In der anschließenden Diskussion waren viele überrascht, welche Rolle auch die Schweiz in den historischen Machtstrukturen gespielt hat.
In Ruanda allerdings war die Rezeption für uns besonders bewegend. Drei Wochen lang reisten wir durchs Land, um den Film den Beteiligten zu zeigen. Die Gespräche nach den Vorführungen wurden vielerorts durch persönliche Erfahrungen und Zeitzeugenberichte ergänzt. Was uns dabei am meisten beeindruckt hat, war die Offenheit, mit der viele trotz ihres persönlichen Schmerzes über das Erlebte sprachen.
Kultur Joker: Der Film stellt die Frage, welche Rolle Europa und westliche Gesellschaften bei historischen und aktuellen Konflikten spielen. Welche Aspekte dieser Verantwortung sind Ihnen im Rahmen der Recherche besonders deutlich geworden? Wie haben Sie selbst den Blick auf Verantwortung und globale Zusammenhänge während dieses Projekts verändert?
Anja Reiß: Auch heute sehen wir in aktuellen Debatten, dass Geschichte nicht nur aus einer Sammlung von Fakten besteht, sondern durch Perspektiven, Macht und Politik geprägt wird. Es wird um Narrative gerungen und darum, wer die Macht hat, die Geschichte zu erzählen. Auch der Genozid an den Tutsi 1994 zeigt, dass Geschichte immer eine globale Dimension hat. Internationale Verflechtungen und Beteiligungen bedeuten auch Verantwortung. Für uns ist es essenziell, diese Komplexität sichtbar zu machen und sie nicht auf eine einzige Erzählung zu reduzieren.
Kultur Joker: Inwiefern denken Sie kann das Medium Film Erinnerungskultur (mit)gestalten?
Anja Reiß: Uns war von Anfang an klar, dass man in einem interaktiven Film immer auch etwas verpasst. Jede Entscheidung für einen Weg ist zugleich eine Entscheidung gegen einen anderen. Genau darin aber liegt für uns der besondere Wert dieses Formats. Es macht erfahrbar, dass jede Erzählung Lücken hat und dass Erinnerung immer aus unterschiedlichen Perspektiven entsteht.
Unsere Absicht war nie, eine vollständige Darstellung des Genozids an den Tutsi von 1994 zu liefern. Das kann kein einzelner Film leisten. Unser Ziel ist es, die Zuschauer:innen mit dem Gefühl aus dem Kino zu entlassen, nur einen Bruchteil der Geschichte gesehen zu haben.
Kultur Joker: Vielen Dank für das Interview!
Bilder: Anja Reiß; Copyright: Anja Steicher. Filmstill aus dem Film “Traces of Responsibility” (2024)





