Beobachtungsobjekte: Thomas Kitzinger macht bei Kunst Koch eine „Bestandsaufnahme“
Es ist selten, dass Thomas Kitzinger Menschen derart realistisch malt. Gut, der Hintergrund, lässt die beiden Figuren wie freigestellt
Es ist selten, dass Thomas Kitzinger Menschen derart realistisch malt. Gut, der Hintergrund, lässt die beiden Figuren wie freigestellt wirken, obgleich Vladimir Nabokovs etwas lächerlicher Körper, der in kurzen Hosen steckt, sogar einen Schatten wirft. Der russisch-amerikanische Autor ist bei der Ausübung seiner Passion dargestellt. Das Schmetterlingsnetz hält er mit beiden Armen, es sieht aus als wollte er nicht zarte Falter fangen, sondern große Tiere. Robert Walser hingegen wirkt als sei er für alle Eventualitäten, die das mitteleuropäische Wetter an einem Frühsommersonntag so bieten kann, vorbereitet. Der Anzug, natürlich ein Dreiteiler, ist leicht, den Hut hält er in der rechten Hand, ebenso einen Stockschirm, sein Blick geht nach rechts. Die kleinformatigen Bilder gehören zu einer Serie von Autorenporträts, die vor gut zehn Jahren entstanden ist. Der Maler Thomas Kitzinger ist ja auch ein Leser. Das vergisst man, denn er selbst will meist gar nichts erzählen. Welche Erzählungen verbinden sich schon mit den schlichten graublauen Tellern, den bunten Gefäßen, den Agaven oder dem Kabelgewirr? Selbst die Porträts, die lediglich das jeweilige Geburtsdatum als Titel tragen, haben so gar nichts Narratives.
Anlässlich von Thomas Kitzingers 70. Geburtstag ist bei Kunst Koch eine „Bestandsaufnahme“ zu sehen, die diese Werke zeigt und auch noch ein paar mehr. Denn der Freiburger Künstler ist ein unermüdlicher Maler. Auch neuere Arbeiten sind ausgestellt, die – und das ist selten bei Kitzinger – nur schwer zu identifizieren sind.

Wie die meisten von Kitzingers Arbeiten sind auch sie wie ein Beobachtungsobjekt vor einem monochronem, oft eher kühlem Hintergrund freigestellt. Ein bisschen lassen sie an mikroskopische Aufnahmen denken, überhaupt an Organisches, auch wenn man nicht zu sagen wüsste, zu welcher Spezies sie gehören könnten. Es sind modellierte Objekte, die ihre Form eher zufällig gefunden haben, die Löcher könnten also Fingerabdrücke sein. Und das ist tatsächlich ein bisschen paradox. Denn der Freiburger Künstler vermeidet üblicherweise jegliche Hinweise auf eine persönliche Handschrift. Seine Arbeiten entstehen auf Aluminium, seltener auf Papier, die Ölfarbe ist so aufgetragen, dass kein Pinselstrich zu erkennen ist. Und wenn etwas seine Spuren hinterlässt, dann ist es die Zeit, die die Gesichter derjenigen, die er porträtiert hat, altern ließ. Ansonsten bannt er auch in dieser Serie weitgehend alles Persönliche, die Porträtierten sind streng von vorne erfasst, alle tragen das gleiche neutrale weiße T-Shirt, die Gesichter bekommen immer den gleichen Raum auf dem Bildträger zugestanden.
Viele von Thomas Kitzingers Objekten sind klassische Motive von Stillleben. Die Agaven und Kakteen etwa kennt man von Bildern der Neuen Sachlichkeit. Dass bei einem der Arbeiten das Grün des Kaktusses das ganze Format ausfüllt und die Stacheln wie ein Insekt oder ein Seestern aussehen, ist wiederum eine ganz eigene Bildidee. Und auch die Gefäße arrangiert Kitzinger nicht zu Gruppen, er gibt ihnen die Hauptrolle, oft sind sie angeschnitten, immer aber spiegelt sich das Licht auf diesen Objekten. Das Licht ist das einzige, was hier auf die Zeit verweist, ansonsten gehört der Augenblick der Malerei.
Thomas Kitzinger, Bestandsaufnahme. Kunst Koch, Hanferstr, 26, Freiburg. Mo-Fr 10-16 Uhr. Bis 12. Dezember.





