Kunst

Spiel mit der Realität: „Wettstreit mit der Wirklichkeit. 60 Jahre Fotorealismus“ im Museum Frieder Burda

Das Chrom glänzt, Lichtreflexe spiegeln sich auf polierten Oberflächen. Ob das Bild einen typischen US-amerikanischen Diner zeigt oder einen

Spiel mit der Realität: „Wettstreit mit der Wirklichkeit. 60 Jahre Fotorealismus“ im Museum Frieder Burda

Das Chrom glänzt, Lichtreflexe spiegeln sich auf polierten Oberflächen. Ob das Bild einen typischen US-amerikanischen Diner zeigt oder einen historischen PKW aus den 1960ern, es sieht schöner aus als in Wirklichkeit. Genau da liegt die Faszination fotorealistischer Malerei, der das Museum Frieder Burda dem Titel „Wettstreit mit der Wirklichkeit. 60 Jahre Fotorealismus“ eine opulente Ausstellung widmet.
Bis in die Anfänge des Fotorealismus in den Sechzigern geht die Schau zurück und spannt mit über 90 Arbeiten den Bogen bis zu neuen, eigens für diese Ausstellung geschaffenen Werken. Der nähere Blick offenbart, dass zwar Fotografien oft als Vorlage dienen, aber die scheinbar detailgetreue Wiedergabe durch die Malerei von den Künstlerinnen und Künstlern geschickt genutzt wurde, um die Wirklichkeit zu überhöhen. Virtuos wird mit Glanzeffekten in feinsten Farbnuancen gearbeitet, oft, um einen american way of life zu feiern, der schon in den Sechzigern retro war. Längst sind die auf Leinwand gebannten Diner aus den 1920ern und 1930ern abgerissen worden, nur in der Kunst leben sie weiter.
Mitte der 1960er hatten Künstler wie Robert Bechtle, Charles Bell und Don Eddy das Gefühl, der Expressionismus sei ausgereizt. Vielleicht wollten sie auch einfach zurück zu einer Kunst, die mit Kunstfertigkeit zu tun hat. Ein Hauch von Nostalgie liegt über ihren Bildern, ob es historisches Spielzeug ist, die Autos aus den Nachkriegsjahren, oder die minutiösen Pferdeporträts von Richard McLean. Alles sieht schöner aus als in echt, die Farben satter, Menschen kommen nach Möglichkeit nicht vor. Robert Cottingham konzentrierte sich in den 1970ern auf spannende Bildausschnitte, in deren Zentrum Leuchtreklamen stehen. Richard Estes setzte in dieser Zeit unter anderem den Blumenladen an der Ecke in Szene. Man meint geradezu, die Papiertüten rascheln zu hören, in die einige der Pflanzen schon verpackt wurden. Im makellos transparent gemalten Schaufenster spiegelt sich ein VW-Bus.

Die Ausstellung „Wettstreit mit der Wirklichkeit“ ist die bisher größte Werkschau, die den bedeutenden Vertretern der amerikanischen Nachkriegsmoderne außerhalb der USA gewidmet ist Fotos: Jigal Fichtner


Liebevoll zauberte Ralph Goings 1983 das Interieur eines klassischen Diners mit Chrom und rotem Kunstleder auf die Leinwand, strahlend, als wäre gerade alles frisch poliert worden. Aber es ist niemand darin. Offenbar ist der Glanz der Vergangenheit größer, wenn möglichst kein Mensch die Optik trübt, darin scheinen sich die ersten Protagonisten des Fotorealismus einig gewesen zu sein. Bis auf einige wenige Porträts. Chuck Close hat 1969 überlebensgroß jede Falte im lebendig wirkenden Gesicht des Komponisten Philip Glass eingefangen.
Was so ungeheuer realistisch aussieht, nach der Wiedergabe eines Augenblicks, beruht oft auf einer ausgeklügelten Inszenierung. Johannes Müller-Franken wollte eigentlich Filmregisseur werden. Aber in bewegten Bildern und schnellen Szenen fand er nicht die Tiefe, die er suchte. Dafür wirken seine Bilder als seien sie ein Moment in einem Film. „Ferchensee“ zum Beispiel. Zwei junge Frauen liegen auf einem Steg über dem glitzernden Wasser des Sees, im Hintergrund ein dunkler Wald, darüber erhebt sich das Bergmassiv. Eine der Frauen dreht gerade den Kopf. Müller-Frankens Kunst besteht darin, dass man sich unwillkürlich fragt, wer diese beiden Frauen sind, was die eine gerade sieht, was als nächstes passieren wird.

Werbung | E-Werk Freiburg


Dabei sehen sich die Künstler gar nicht in einem Wettstreit mit der Wirklichkeit, sagt Ben Johnson, der in seinen Werken die klaren Linien der Architektur feiert, ohne störendes Beiwerk wie Menschen oder Fahrzeugen. Und Architektentochter Raphaella Spence taucht in ihrem eigens für diese Ausstellung geschaffenen jüngsten Werk das Museumsgebäude selbst in ein völlig neues Licht. Sehr stimmungsvoll, in einem tieforangefarbenen Sonnenuntergang, die Blätter der Bäume wie Scherenschnitte davor.
Golden leuchtende Tropfen, riesige Trauben in einer Fülle grün-violetter Farbtöne, ein Vorhang mitten in der Landschaft. Karin Kneffels großformatige Werke entfalten im Mezzanin ihre magische Wirkung. Ergänzt werden sie um verspielte Skulpturen, die, zum Teil angebissene, Kekse in Übergröße präsentieren. Das ist kein Wettstreit mit der Wirklichkeit, sondern eine vergnügt-verspielte Art, sie ad absurdum zu führen.

„Wettstreit mit der Wirklichkeit. 60 Jahre Fotorealismus“, Museum Frieder Burda, Lichtentaler Allee 8b, 76530 Baden-Baden, Di-So 10-18 Uhr. Bis 02.08.2026

About Author

Nike Luber