„Ich will nie Legende werden“: Im Gespräch mit Mario Adorf, Schauspieler (Archiv 2000)
Zum Tod von Mario Adorf (8. April 2026) haben wir dieses Interview aus unserem Archiv geholt. Es wurde 2000
Zum Tod von Mario Adorf (8. April 2026) haben wir dieses Interview aus unserem Archiv geholt. Es wurde 2000 mit dem Schauspieler und Autor anlässlich seiner Lesung im Freiburger Theater geführt.
Er ist der europäische Akteur par excellence: Deutsch-Italiener, wohnhaft in Rom und an der Côte d’Azur, verheiratet mit einer Französin und laut Umfrage Deutschlands beliebtester Schauspieler. Mario Adorf hat sich vom Klischee des fiesen Ganoven und späten Latin-Lover längst freigespielt, obwohl keine Rolle ihm so maßgeschneidert passt wie die des Paten, etwa als Salvatore Frola in „Allein gegen die Mafia“.
Warum die Deutschen ihn so lieben? Vielleicht, weil man noch im schlimmsten Unhold sein großes Herz erahnt. „Mario der Zauberer“ nennt ihn die Presse, für seine Freunde bleibt er „der Bär“. Seit zehn Jahren ist der charismatische Charakterdarsteller unter die Autoren gegangen. Seine Prosa-Bände mit den verheißungsvollen Titeln „Der Mäusetöter“, „Der Dieb von Trastevere“ und „Der Fenstersturz“ hat das deutsche Feuilleton höchst wohlwollend aufgenommen. Fest steht: Mario Adorf ist ein Erzähler mit Passion und einigem Raffinement.
Auf Einladung des Theatercafés und der Buchhandlung Walthari las er im randvollen Freiburger Theater aus seinem jüngsten Buch: „Der römische Schneeball“.
Kultur Joker: Herr Adorf, vor einem Monat haben sie ihren siebzigsten Geburtstag gefeiert. Ihr Lebenstempo dabei kein bisschen reduziert. Gerade kommen Sie aus Hamburg, von Dreharbeiten mit Dieter Wedel. Wann finden Sie noch die Zeit zum Schreiben?
Adorf: Am liebsten schreibe ich abends, auch nach einem harten Drehtag. Es ist geradezu erholsam, schließlich bin ich beim Schreiben ganz mein eigener Herr, während ich vor der Kamera Texte spreche, die nie meine eigenen sind. Etwas anderes kommt hinzu: Auf der Bühne und im Film kommt auch das Misslungene an die Öffentlichkeit, der Autor kann das, was ihm nicht mehr gefällt, jederzeit in den Papierkorb schmeißen. Das Schreiben macht mir einfach Spaß, ein Neuland, das ich mir erobere, auch um aus der Routine auszubrechen.
Kultur Joker: Wie kamen Sie zum Schreiben?
Adorf: Auf Einladung meiner Heimatstadt Mayen sollte ich zum Stadtjubiläum eine Rede halten, die dann sehr persönlich wurde. Ein römischer Freund, Helge Malchow, Lektor bei Kiepenheuer und Witsch, war so begeistert, dass er daraus partout ein Buch machen wollte; also setzte ich mich hin – und entdeckte eine alte Leidenschaft neu: die am Erzählen.
Kultur Joker: Ihr Schreiben entspringt also der Lust an der mündlichen Rede. Und woher nehmen Sie Ihre Stoffe?
Adorf: Ich denke nicht groß darüber nach, die Geschichten fliegen mir zu, teils aus der Erinnerung, teils aus scheinbaren Banalitäten. Nehmen Sie meine Titelgeschichte „Der römische Schneeball“. Da bin ich an einer Zeitungsnotiz hängen geblieben: Ein Mann hatte sich im Gefängnis umgebracht. Ungewöhnlich war nur der Grund seiner Verhaftung: Er hatte mit Schneebällen auf Passanten geworfen.
Kultur Joker: Sie haben aus der Kuriosität einen kleinen Polit-Krimi gemacht, deren Held und Erzähler aber nicht sie selbst sind. Szenekenner haben in dem schwergewichtigen Rechercheur einen ihrer Freunde und Schauspielerkollegen ausgemacht, den Autor Peter Berling. Wie hat der Betroffene reagiert?
Adorf: Zunächst hat er mich pantomimisch geohrfeigt, dann an sein Herz gedrückt. Dass mein Carlo Croll als Autor von Geschichtsromanen aktuelle Geschehnisse historisch umfrisiert ist übrigens frei erfunden.
Kultur Joker: Und wie steht es mit dem Othello-Darsteller, der nach der Vorstellung auch noch seine Frau erwürgt?
Adorf: Das ist eine der wahren Geschichten. Ich schreibe nicht, weil ich Literatur machen will, sondern aus purer Freude. Auf die Weihen dieser Literaturschow kann ich verzichten, wo doch bekanntermaßen Macht und Selbstsucht die Hauptrollen spielen. Um es klar zu sagen: Ich halte mich nicht für einen Schriftsteller. Ich bin Schauspieler, der das Schreiben zum Hobby hat.
Kultur Joker: Sie haben in über hundert Filmen gespielt, darunter in Meisterwerken wie Schlöndorffs „Blechtrommel“, Fassbinders „Lola“ bis zu Wedels „Bellheim“ und „Schattenmann“. Kaum einer weiß noch, dass sie es waren, der Winnetous Schwester erschoss. Machtbesessene Schurken scheinen ihnen aber am besten zu liegen. Haben Sie eine Lieblingsrolle?
Adorf: Ich selbst halte mich nicht für einen Machtmenschen; der Salvatore Frola ging mir übrigens sehr leicht von der Hand. Meine Lieblingsrolle ist eigentlich immer die gegenwärtige – bis jetzt. Heute spiele ich meine schwerste: einen krebskranken Machtpolitiker in Dieter Wedels neuem Sechsteiler „Die Affäre Semmeling“ (ZDF, 2002). Da hilft keine Schminke, das will gelebt und durchlitten sein.
Kultur Joker: Was unterscheidet Sie am meisten von diesem Menschen?
Adorf: Er fragt sich im Krankenbett: „Warum ich?“, ich würde versuchen das Gegenteil zu fragen: „Warum ausgerechnet nicht?“
Kultur Joker: Haben Sie viele der ihnen angetragenen Rollen abgelehnt?
Adorf: Rund neunzig Prozent. Aber nur eine habe ich während der Dreharbeiten hingeschmissen: den Dampferkapitän in „Fitzcarraldo“.
Kultur Joker: Über Ihre Querele mit Werner Herzog haben Sie ausführlich in Ihrem neuen Buch berichtet. Was ärgert sie am meisten an Regisseuren vom Typ Herzog?
Adorf: Dass sie sich nicht für ihre Schauspieler interessieren und den Film zur Selbstinszenierung missbrauchen.
Kultur Joker: In einer Umfrage im vergangenen Jahr sind Sie zum beliebtesten und bekanntesten deutschen Schauspieler gekürt worden. Liegt das an dem Mythos, dass bei Ihnen Rolle und Person vollkommen verschmelzen?
Adorf: Ich weiß nicht, warum ich so beliebt bin, und kann nur sagen: Was ich in meinen Rollen suche, ist nicht das Fremde, nicht meine Person. Für die habe ich mich nie sonderlich interessiert. Wenn Manfred Krug sagt: „Ich frisiere mir jede Rolle nach meiner Schnauze“, dann respektiere ich das. Meine Haltung ist es nicht: Ich ziehe mir die Rollen nicht an, ich will mich ihnen nähern. Auf der Bühne und im Film sehen Sie immer nur den kleinsten Teil von Mario Adorf.
Kultur Joker: Der Stern titelte neulich ein Interview mit Ihnen: „Selbstsuche ist bei mir nicht besonders ausgeprägt.“
Adorf: Ein misslicher Titel. Es klingt, als wäre ich nicht besonders kritisch mir gegenüber. Das stimmt nicht. Tatsächlich habe ich kein besonders ausgeprägtes Interesse an meiner Psyche. Ich will nicht in die Mechanik schauen. Mangel an Selbstsucht halte ich im Übrigen für eine Bedingung guten Schauspiels.
Kultur Joker: Sie gelten als einer der deutschen Weltstars, warum gibt es so wenige?
Adorf: Es gibt überhaupt keinen. Der letzte deutsche Weltstar war Marlene Dietrich. In Amerika und Frankreich kennt man mich kaum und auch in Rom kann ich meist unbehelligt spazieren gehen. Man mag uns Deutsche nicht so recht in Hollywood, allenfalls für Ganovenrollen sind wir gut genug. Aber warum nach Amerika und nach internationalen Ruhm schielen. Der deutsche Film sollte sich endlich wieder auf seine eigenen Themen besinnen. Unsere Geschichte bietet doch Stoff genug. Wir haben leider das Vertrauen verloren, dass deutsche Themen interessieren könnten. Die Vision vom „Europäischen Film“ halte ich für Nonsens: So produziert man nur Einheitsbrei. Übrigens gibt es doch einen deutschen Weltstar – im Fernsehen: Derrick. Glücklicherweise nicht Horst Tappert.
Kultur Joker: Welche Tendenzen im deutschen Fernsehen finden Sie derzeit am unerträglichsten?
Adorf: Den zunehmenden Zynismus und die Lust am inszenierten Voyeurismus. Überhaupt den Qualitätsverfall. Wo ist etwa das deutsche Fernsehspiel geblieben? Das Gerede hat gesiegt. Qualitativ hochwertig sind im internationalen Vergleich aber immer noch die Fernsehserien.
Kultur Joker: Halten Sie sich eigentlich für einen ehrgeizigen Menschen?
Adorf: Ich glaube nicht. Was sollte ich noch anstreben: den Oscar? Meine Maxime war immer: Erkenne das Unmögliche, realisiere Deine Möglichkeiten. Ich suche nicht den Ruhm; Auszeichnungen sind nur eine kleine Dreingabe; letztlich befinde doch nur ich selbst über meine Leistungen. Und die sind natürlich sehr vergänglich. Eitelkeit mag ein guter Ansporn sein, aber irgendwann muss man sich auch fragen: „Wie wichtig ist das eigentlich?“ Von den größten Schauspielern wird nicht mehr geredet, und wenn, dann nur noch in Form von Legenden. Ich mache das doch nicht, um eine Legende zu werden. Wenn ich physisch nicht mehr da bin, möchte ich auch ganz verschwinden. Es gab Zeiten, da hätte ich nie daran gedacht, dass mich der Pförtner der Münchener Kammerspiele, wo ich meine Karriere begann, fragen würde: „Wer sind sie bitte?“ Das ist denen passiert, die ich einmal für „Götter“ hielt, es ist jetzt auch mir passiert. Ich werde sehr schnell vergessen sein.
Kultur Joker: Noch sind Sie eine öffentliche Person. Haben Sie je Schwierigkeiten gehabt, Öffentlichkeit und Privatleben zu trennen?
Adorf: Ich habe nie versucht, aus mir ein Geheimnis zu machen, das sind die Strategien derer, die Presse auf sich ziehen möchten. Mein Leben ist ein offenes Buch, in dem jeder lesen kann.
Kultur Joker: Etwa über Ihr Verhältnis zur ehelichen Treue.
Adorf: Seit 1985 bin ich glücklich verheiratet; eheliche Treue hat für mich nicht unbedingt mit Monogamie zu tun. Die halte ich allerdings für nicht lebbar. Auch unbedingte Ehrlichkeit ist für Beziehungen meist hinderlich.
Kultur Joker: Sie faszinieren als Chansonnier, Autor und Schauspieler gleichermaßen. Worin liegt das Geheimnis von Mario dem Zauberer?
Adorf: Wissen Sie, ich nehme das alles nicht so wichtig.
Kultur Joker: Herr Adorf, viel Glück und danke für das Gespräch.
Bild: Archiv Kultur Joker 13.09.-26.10.2000




