Die Unwiederbringlichkeit des Augenblicks: Das Kunsthaus Apolda zeigt zum 100. Geburtstag das Werk des Fotografen Günter Rössler
Das Kunsthaus Apolda widmet dem bekannten Fotografen Günter Rössler anlässlich seines 100. Geburtstages eine eindrucksvolle Ausstellung, in der ein
Das Kunsthaus Apolda widmet dem bekannten Fotografen Günter Rössler anlässlich seines 100. Geburtstages eine eindrucksvolle Ausstellung, in der ein gut konzipierter Überblick über sein außergewöhnliches Schaffen gegeben wird.
Über viele Jahrzehnte prägte er die Mode- und Akt-Fotografie in der DDR. Geboren wurde er 1926 in Leipzig und gehörte damit zu der Generation, die ihre Kindheit und Jugend in der NS-Zeit verbrachte, den Krieg erlebte, zum Frontdienst einzogen wurde und in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet. Nach Kriegsende und Entlassung aus dem Gefangenenlager wurde er von Verwandten im amerikanischen Sektor aufgenommen. Auch wenn er auf diese Weise in Bad Nauheim 1946 eine Ausbildung zum Fotolaboranten absolvieren konnte, war doch das Heimweh nach seinen Eltern und der Geburtsstadt Leipzig groß. Die Rückkehr in die sowjetische Besatzungszone war jedoch gar nicht so leicht. Mithilfe eines offiziellen Schreibens durch einen Verwandten in Leipzig gelang der Wechsel und er konnte in seine Heimatstadt zurückkehren und dort ein Studium der Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst beginnen.
Nach Studienabschluss 1950 begann Günter Rössler freiberuflich als Reportagefotograf zu arbeiten. Seine Auftraggeber waren Zeitungen und Zeitschriften. Zunächst arbeitete er hauptsächlich für die „Rundfunkzeitung“ in Leipzig. Er lieferte das Bildmaterial zu den Berichten von Festivitäten, Konzerten, Kindergarteneinweihungen und Modemessen. Die Aufträge aus der Modeindustrie nahmen zu und wurden schließlich zur Haupteinnahmequelle des jungen Fotografen.
Ursprünglich hatte sich Günter Rössler nicht sonderlich für das Moderesort interessiert. Mit zunehmender Nachfrage entwickelte er jedoch in den 1960/70er Jahren einen charakteristischen eigenen und neuen Stil. Er sollte über viele Jahre zu einem der gefragtesten Modefotografen in der DDR werden. Unzählige Cover-Bilder der namhaften DDR Frauenzeitschrift „Sibylle“ wurden von ihm gestaltet. Sein Ansatz in der Modefotografie war für ihn eng verbunden mit seinen Erfahrungen aus der Reportagefotografie. Er war davon überzeugt, dass Mode nicht abgelöst, sondern in direkter Verbindung zum Alltag zu betrachten wäre und kreierte auf diese Weise ein neues Frauenbild in der DDR.
Die bis dahin üblichen Posen in der Modefotografie empfand er als gekünstelt und wirklichkeitsfremd. So betonte er in seinen zumeist Schwarz-Weiß gehaltenen Aufnahmen die Natürlichkeit der Frauen. Das Selbstverständnis und Selbstbewusstsein der weiblichen Modelle in ihrer alltäglichen Umgebung flossen in die Modefotos ein. Straßenszenen, Stadtspaziergänge, Ausflüge aufs Land wurden zur Kulisse für die modebewusste Frau. Verbunden mit einem hohen Anspruch an ästhetische Klarheit und technische Perfektion wurden seine Modeaufnahmen stilbildend. Das, was spontan und zufällig erscheint, war zumeist ein sorgfältig gestaltetes Bild. Der Fotograf beobachtete und inszenierte, er schuf Situationen in denen Leichtigkeit und Dynamik zum Ausdruck kamen.
Über die Grenzen der DDR hinaus bekannt wurde Günter Rössler jedoch vor allem mit seinen außergewöhnlichen Aktfotografien. In der Ausstellung in Apolda ist eine große Auswahl dieser wunderschönen Schwarzweißakte zu sehen. Für Rössler war die Aktfotografie immer „Passion“, wie er sich ausdrückte, und nie „Geschäft“. Auslöser war für ihn seine große Bewunderung für den italienischen Maler Amedeo Modigliani. Dessen Aktbilder wurden zum Ideal des Fotografen. Der Malerei von Modigliani wollte Rössler sich in seinem eigenen Medium – der Fotografie – annähern. Mit Purismus und großer Klarheit fotografierte er den weiblichen Körper variantenreich und mit enormer Perfektion. Das Aktmodell war dabei immer ein gleichwertiges Gegenüber. Rössler betonte wie wichtig für ihn der Blick, die Ausstrahlung eines Modells war. Häufig bat er die fotografierten Frauen, in die Kamera zu schauen. Ihm kam es darauf an, dass die Modelle natürlich mit ihrer Nacktheit umgehen konnten, sich in der Situation entspannt und selbstbewusst fühlten. Der direkte Blick konnte das signalisieren und darüber hinaus ist der Blick ein individueller Ausdruck der fotografierten Person. Wenn möglich, arbeitete Rössler mit Tageslicht, eine zurückhaltende Lichtmodulation war ihm wichtig. Den letzten Schliff erhielt das Bild in der Dunkelkammer. Die hochästhetischen, kunstvollen Aktbilder, die einen Großteil des Schaffens von Günter Rössler ausmachen, gehören zu den unvergesslichen Ikonen der Fotogeschichte. Frei davon Auftragswerke zu sein, drücken sie das persönliche Streben des Fotografen aus, nach Schönheit und Vollkommenheit, sie verkörpern seine Sehnsucht, die Unwiederbringlichkeit des Augenblicks aufzuhalten.
Günter Rössler: Mode- und Akt-Fotografie. Kunsthaus Apolda, Bahnhofstraße 42. Bis 03.05.2026
Bild: Günter Rössler: „Karin E“,1988 © Günter Rössler Fotografie / Kirsten Schlegel




