Interview Theater

Präzision, Erfahrung und absolute Konzentration: Drei Fragen an … Anna Tiranova (Leitung Kostümabteilung, Theater Freiburg)

Ein Blick hinter die Kulissen mit Anna Tiranova, die seit 2024 die Kostümabteilung am Theater Freiburg leitet. 2021 begann

Präzision, Erfahrung und absolute Konzentration: Drei Fragen an … Anna Tiranova (Leitung Kostümabteilung, Theater Freiburg)

Ein Blick hinter die Kulissen mit Anna Tiranova, die seit 2024 die Kostümabteilung am Theater Freiburg leitet. 2021 begann sie hier als Kostümassistentin und ist heute für die organisatorische und logistische Planung verantwortlich: Sie koordiniert das Team, plant Arbeitsabläufe und sorgt dafür, dass die Kostüme für jede Produktion rechtzeitig bereitstehen. Zuletzt wurde die Arbeit an den detailreichen Kostümen für die Oper „Rigoletto“abgeschlossen, die Ausstattung für die nächste große Musiktheater-Premiere „Iphigénie en Tauride“ ist bereits in Arbeit. In enger Zusammenarbeit mit den Kostümbildner*innen setzt Anna Tiranova gemeinsam mit ihrem Team die künstlerischen Konzepte in tragfähige Lösungen um. Elisabeth Jockers stellte ihr drei Fragen.

Kultur Joker: Welche Rolle/Aufgabe halten Sie für die am meisten unterschätzte im Theaterbetrieb?

Anna Tiranova: Aus meiner Perspektive und aus der Sicht meiner Abteilung kann ich natürlich vor allem über einen Bereich sprechen: die Arbeit der Ankleider*innen. Ich glaube, dass ihre Rolle im Theaterbetrieb häufig unterschätzt oder nicht in ihrer ganzen Tragweite wahrgenommen wird.

Auf ihren Schultern liegt – zumindest aus Kostümsicht – jede einzelne Abendvorstellung. Sie müssen sämtliche Abläufe einer Produktion genau kennen, komplexe und oft extrem schnelle Umzüge organisieren, den Überblick behalten und gleichzeitig die Kostüme pflegen und instand halten. Hinter den wenigen Sekunden eines reibungslosen Szenenwechsels stehen Präzision, Erfahrung und absolute Konzentration.

Hinzu kommt der enge Kontakt mit sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten. Ankleiderinnen arbeiten unmittelbar mit Schauspielerinnen und Solist*innen zusammen – Menschen, die sich kurz vor dem Auftritt in ganz unterschiedlichen emotionalen Zuständen befinden können. Für jede und jeden den richtigen Umgang zu finden, erfordert Fingerspitzengefühl, innere Stabilität und ein hohes Maß an emotionaler Intelligenz.

Ich empfinde diese Arbeit als ausgesprochen anspruchsvoll und stressintensiv – und bewundere meine Kolleg*innen immer wieder dafür, mit welcher Selbstverständlichkeit, Professionalität und Meisterschaft sie all das jeden Abend leisten.

Kultur Joker: Was war der Schlüsselmoment, in dem Sie wussten, dass Sie im Theater arbeiten möchten?

Anna Tiranova: Ehrlich gesagt hatte ich lange Zeit überhaupt nicht vor, im Theater zu arbeiten. Es klingt vielleicht überraschend, aber der Gedanke ist mir selbst nie gekommen.

Der eigentliche Schlüsselmoment entstand während meines Studiums an der Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. Meine Professorin Ulla von Brandenburg, deren künstlerische Arbeit eng mit Bühne, Raum und Textil verbunden ist, fragte mich eines Tages ganz direkt, ob ich mir nicht vorstellen könne, am Theater zu arbeiten. Sie meinte, sie habe das Gefühl, dass dieser Ort und diese Arbeitsweise gut zu mir passen könnten.

In diesem Moment hat sich in meinem Kopf tatsächlich etwas verschoben. Plötzlich öffnete sich ein neuer Fokus, eine neue Möglichkeit. Ich entschied mich, diese Richtung einzuschlagen.

Ich glaube, dass im Leben vieles davon abhängt, worauf wir unseren Blick richten. Manchmal braucht es nur einen Impuls von außen, um einen Raum zu erkennen, der eigentlich schon die ganze Zeit zu einem gepasst hat.

Kultur Joker: Wenn Sie nicht im Theater wären, in welchem Beruf würden wir Sie sich heute finden? Und warum?

Anna Tiranova: Wenn ich nicht am Theater arbeiten würde, wäre ich wahrscheinlich bildende Künstlerin geworden, genauer gesagt Grafikerin.

Ich habe mich im Laufe der Jahre in sehr unterschiedlichen künstlerischen Richtungen ausprobiert. Was jedoch immer geblieben ist, ist meine besondere Nähe zur Grafik. Die Reduktion auf Linie, Kontrast und Komposition fasziniert mich bis heute – vielleicht auch, weil sie eine andere Form von Konzentration verlangt als die Arbeit mit Raum und Kostüm.

Die Grafik ist für mich ein beständiger, persönlicher Ort geblieben. Wann immer es die Zeit erlaubt – und die ist im intensiven Theateralltag tatsächlich oft knapp –, zeichne ich. Dieser Prozess hat für mich etwas Meditatives: eine stille, fokussierte Arbeit, in der sich Gedanken ordnen und neue Ideen entstehen können.

Kultur Joker: Herzlichen Dank für die Antworten!

Bild: Theater Freiburg

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Elisabeth Jockers