Zurück in die Nacht: Julia Riedler erzählt am Theater Freiburg „Hamlet“ plausibel und klug von seinem Ende her
Dass wir heute noch Shakespeare spielen, hat ja nichts damit zu tun, dass irgendjemand seine Stücke als kanonisch erklärt
Dass wir heute noch Shakespeare spielen, hat ja nichts damit zu tun, dass irgendjemand seine Stücke als kanonisch erklärt hat. Sondern, weil wir uns Geschichten erzählen, verdammt gute sogar, die sich über die Jahrhunderte kein bisschen abgenützt haben. Geschichten von „Taten, fleischlich, blutig, unnatürlich, von Zufall und Verhängnis, blindem Mord, von Toden, schlau und grausam eingefädelt“, das ist, was jeden erwartet, der sich eine Hamlet-Inszenierung ansieht. In Julia Riedlers Regiearbeit für das Theater Freiburg – es ist die erste der Schauspielerin überhaupt – steht diese Erwartung am Anfang. Sie verbindet uns – ein zufällig zusammengewürfeltes Publikum ‒ mit allen Zuschauern, die sich jemals das Stück angesehen haben. Hamlets Freund Horatio (Nadine Geyersbach) nimmt jeden in die Pflicht. Im Kleinen Haus ist das Saallicht an, die Bühne ist durch einen betongrauen Vorhang verdeckt. Davor begrüßt die Schauspielerin jeden Neuankömmling persönlich und kürt zwei aus dem Publikum zu den Wachen Bernardo und Marcellus und zu Zeugen der Geisterscheinung. Doch eigentlich sind alle, die zuschauen, Zeuginnen und Zeugen.
Kurz nach 20 Uhr erscheint im Kleinen Haus Horatio nicht etwa der verstorbene König Hamlet, sondern alle Toten. Urs Peter Halter (Rosencrantz, Claudius), Hale Richter (Guildenstern, Gertrud) und Emma Petzet (Ophelia, Polonius) sind die Verstorbenen, die irgendwo zwischen Diesseits und Jenseits hängen, aber ihren oft ziemlich grotesken Humor nicht verloren haben und so etwas wie Horatios moralische Unterstützung sind. Sie tragen zu Mini-Rock und Leggings Sweat-Shirts mit Cut-Outs, ziehen sie sich diese über den Kopf, erscheint die Fratze eines stillen Schreis (Kostüme: Sophie Reble). Es gibt gute Gründe noch ein bisschen im Diesseits zu verweilen. Dieser „Hamlet“ erzählt die Geschichte mit dem Wissen um das tragische Ende, die Figuren auf der Bühne erinnern sich an das Geschehen, im Text (übersetzt von Jürgen Gosch und Angela Schanelec) passiert es wie neu. „Man sagt, ich sei ertrunken“, beginnt Emma Petzet den Bericht von Ophelias Tod. Und so ist diese Inszenierung auch eine über das Theater selbst.
Julia Riedler, die zuletzt von Theater heute als Schauspielerin des Jahres gewürdigt sowie mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnet wurde, hat die vier Darstellerinnen und Darsteller zu einem starken Ensemble vereint. Nadine Geyersbach wie auch Urs Peter Halter standen ja schon einmal auf dieser Bühne, beide gehörten dem Ensemble während der Intendanz von Amélie Niermeyer an. Geyersbach hat noch immer diese abgründige Intensität. Widerstrebend nimmt sich ihr Horatio der Hamlet-Rolle an, hängt sich einen plissierten vielfarbigen Umhang über, der leicht wie ein Fähnchen im Wind wirkt, doch das Pathos des Stückes liegt schwer auf ihm. Viel ist ja im Text von Seele zu hören. Dieser Hamlet entblößt seine. Riedlers Inszenierung bleibt ein bisschen zu lang beim Vorspiel, doch es gelingt Theatermagie. Wenn Hamlet Richtung England segelt, ist der Vorhang längst gefallen, so dass die Glühbirnen sichtbar sind, die an langen Ketten hängen (Bühne: Stefan Britze). Es kommt Nebel auf, der nicht nur die Insel ankündigt, sondern der auch Sinnbild einer trügerischen Wirklichkeit ist. Eben hat Hamlet die Intrige seines Onkels entlarvt und den Verrat seiner Freunde Rosencrantz und Guildenstern entdeckt, die ihn in den sicheren Tod begleiteten. Und er hat seinerseits diesen den Todesstoß versetzt. So einsam macht der Verrat an ihm und sein eigener, der sich mit niemandem teilen lässt.
Der berühmte Monolog wird öfters an diesem knapp zweistündigen Abend wiederholt, jede Figur muss sich diese Frage stellen. Umso mehr, das eigene Verhalten offensichtlich in den Tod geführt hat. „We need the money – Tschüss“, heißt es etwa von Rosencrantz und Guildenstern und Urs Peter Halters Claudius steckt, wenn er im Gebet über den Brudermord nachdenkt, als zersägte Jungfrau in einer Holzbox, an der Hamlet mit der Motorsäge hantiert. Manchmal ist Theater eben auch Vaudeville. Am Ende, wenn fast alle gestorben sind, verabschieden sich die Geister in die Freiburger Nacht: „vielleicht bis morgen, adieu, adieu“. Unbedingt, denn so stark hat man das neue Ensemble bislang noch nicht gesehen. Ein großer Wurf.
Weitere Vorstellungen: 15. und 22. März, 4./14. und 15. April, Kleines Haus, Theater Freiburg.
Bild: Emma Petzet verkörpert die Rolle der Ophelia und des Polonius in „Hamlet“ am Theater Freiburg © Neven Allgeier




