Hinter den Kulissen: Auf der Berlinale werden alljährlich die Bären vergeben. Seit 1986 auch der Caligari-Filmpreis der kommunalen Kinos
Dass İlker Çataks GELBE BRIEFE die diesjährige Berlinale gewonnen hat, weiß nun jedes Kind. Es ist der erste Goldene
Dass İlker Çataks GELBE BRIEFE die diesjährige Berlinale gewonnen hat, weiß nun jedes Kind. Es ist der erste Goldene Bär für eine deutsche Produktion, seit Fatih Akin mit GEGEN DIE WAND im Jahr 2004 den Preis bekam. Auch deshalb war das Medienecho besonders groß. Und auch, weil Çataks herausragender Film – interessanterweise ähnlich dem Gewinner von 2004 – Privates und Politisches eng zusammenführt. Der Regisseur stellt eine türkische Familie aus dem akademischen und Kulturmilieu ins Zentrum und erkundet, wie staatliche Repressionen und Einschüchterungen neben ihrem antidemokratischen Impetus Haarrisse im Mikrokosmos Familie verursachen, die sich ausweiten und zerstörerisch wirken können. Dabei – und das ist die große Stärke von GELBE BRIEFE – verzichtet İlker Çatak auf Simplifizierungen und einfache Zuschreibungen, sondern leuchtet verschiedene Aspekte des Beziehungsgeflechts aus. So entsteht ein komplexes Soziogramm einer eigentlich intakten Familie unter Druck, die gezwungen wird, Fragen zu stellen, sich gegenseitig zu prüfen und eigene Wertvorstellung gegebenenfalls neu zu justieren.

Während über die Gewinner der begehrten Bären viel berichtet wird, werden viele weitere Preise, die im Rahmen der Berlinale vergeben werden, oft übersehen. Publikumspreise, Leserinnenpreise, Förderpreise und Preise der unabhängigen Jurys – letzteres bedeutet, dass diese nicht unter dem Dach der Berlinale angesiedelt sind, sondern von Institutionen aus der Kino-, Film- oder Presselandschaft einberufen und besetzt werden. Das Festival selbst führt sie unter „andere Preise“. Freilich können sie den Bären was öffentliche Wirksamkeit und nicht selten auch Preisgeld angeht, das Wasser nicht reichen und dennoch sind sie für Filmschaffende oft sehr relevant – weil Kinofilme für das Kino und fürs Publikum gemacht werden und Auszeichnungen von Kinos oder Kinoliebhaberinnen den Filmschaffenden ein anderes, direkteres Feedback geben als die Auszeichnung einer Fach- oder Kritikerinnenjury, die den Film als Kunstwerk in den Blick nehmen und bewerten. Ein Beispiel für einen solchen Preis ‚vom Kino, für’s Kino‘ ist der Caligari-Filmpreis. Dieser wurde 1986 vom Hamburger Kinomacher Heiner Roß – seinerzeit Geschäftsführer des Vereins Freunde der Kinemathek sowie Leiter des Hamburger Kommunalen Kino Metropolis – samt Weggefährtinnen initiiert und nimmt ausschließlich die Filme des Berlinale Forum in den Blick, eine Nebensektion des großen Festivals.
Das Forum, das 1971 als eigenständige und von der Berlinale unabhängige Sektion gegründet wurde, versteht sich selbst als eine Diskursarena, die dem politisch engagierten, künstlerisch anspruchsvollen und gewagten Film eine Plattform bietet. Bewusst fernab jeglichen Mainstreams oder klassischen Erzählkinos möchte die Sektion seit Anbeginn Grenzziehungen und Kategorisierungen filmischer Ausdrucksformen erweitern und auflösen und versteht das Medium dabei als Aushandlungsform, was sich auch in den Filmgesprächen und Debatten niederschlägt, die den Vorführungen traditionell angeschlossenen waren. Gegründet wurde das Forum – auch hier zeigt sich das Verständnis von Film als Debattenraum – in Folge des Eklats um Michael Verhoevens provokanten Antikriegsfilm o.k., der 1970 im Wettbewerb gezeigt und aufgrund seiner Drastik von der Jury mitten im laufenden Festivalbetrieb abgelehnt wurde. In der Folge zogen Filmschaffende, die die Freiheit der Kunst in Gefahr sahen, ihre Werke kurzerhand zurück. Säle wurden besetzt, turbulente Debatten geführt – und die Berlinale zum ersten und bislang einzigen Mal in ihrer 76-jährigen Geschichte abgebrochen. Die Freunde der Kinemathek gründeten also in Folge und zur Berlinale 1971 hin jene neue Sektion, die damals noch Internationales Forum des jungen Films hieß, in der gestritten werden durfte und die bis heute von der Berlinale unabhängig unter Federführung des Arsenal Filminstitut e.V. kuratiert und geleitet wird.
Das Forum selbst vergibt keine Preise, auch, um den kompetitiven Charakter eines Trophäenrennens zugunsten der oben beschriebenen Zielsetzung zu vermeiden. Der Caligari-Filmpreis jedoch zeichnet seit 1986 einen stilistisch und thematisch innovativen Film aus dem Jahrgansprogramm der Sektion aus. Der Name ist angelehnt an Robert Wienes weltberühmten expressionistischen Stummfilm DAS CABINET DES DR. CALIGARI aus dem Jahr 1920. Über die Preisvergabe entscheidet eine dreiköpfige, jährlich wechselnde Jury die – und das ist das Besondere – mit Vertreterinnen der kommunalen Kinos in Deutschland besetzt wird, das Preisgeld wird von den kommunalen Kinos selbst gespendet. Neben der Auswahl eines herausragenden Forums-Films legt diese Jury also ein Augenmerk auf eine gewisse „Kinotauglichkeit“ des Films, ohne dabei Anspruch und Herausforderung hintan zu stellen. Das Renommee des Preises zeigt sich bei einem Blick in die Liste der Preisträgerinnen, die nicht wenig bekannte Namen aufweist: Erster Gewinner war 1986 Claude Lanzmann mit seinem dokumentarischen Epos SHOAH. Mit rund acht Stunden ebenfalls episch ist SÁTÁNTANGÓ des ungarischen, kürzlich verstorbenen Großmeisters Bela Tárr. Dieser erhielt 1994 den Caligari-Preis. Der türkische Filmpoet Nury Bilge Ceylan konnte sich 1998 mit KASABA (DIE KLEINSTADT) den Preis sichern. 2024 fiel die Wahl der Jury auf den Film SHAHID der Regisseurin Narges Kalhor, der anschließend seinen Siegeszug durch die deutsche Kinolandschaft antrat.
Ein Preis von den Kinos also, der zum Ziel hat, anspruchsvolle und Grenzen sprengende Filme aus dem Festival ins Kino und zum Publikum zu bringen. Denn wie schon beschrieben: Ein Kinofilm macht vor allen Dingen im Kino Sinn. Auch wenn die Preissumme von 4.000 Euro, wovon die Hälfte an die Filmschaffenden geht, ein Tropfen auf den heißen Stein ist, so zeigt sich immer wieder das oben beschriebene Phänomen, nämlich dass Filmschaffende es sehr schätzen, von Kinos ausgezeichnet zu werden und damit vermittelt zu bekommen, dass das künstlerische Konzept und die Ausrichtung des Films in seiner eigentlichen Zweckbestimmung funktioniert.

Und in diesem Jahr? Den 41. Caligari-Filmpreis gewann die tschechisch-slowakische Co-Produktion IF PIGEONS TURNED TO GOLD der Regisseurin Pepa Lubojacki. Damit wählte die Jury einen intimen dokumentarischen Filmessay aus, der sich über die Zusammenführung von Texten mit filmischen Beobachtungen und KI-animierten Bildern mit dem Thema Alkoholsucht im familiären Kontext auseinandersetzt. Lubojacki portraitiert die starke Alkoholabhängigkeit, unter der ihr Vater, ihr Cousin, ihr Bruder und somit auch sie selbst stark litt. Dokumentarische Handyaufnahmen werden mit Texttafeln verbunden, das Publikum direkt angesprochen, filmische und familiäre Zuverlässigkeiten, eigene Rollen hinterfragt. Ein schonungslos offener und gleichsam liebender Film, an sich selbst und seinen Narrationen zweifelnd, voller Irritationsmomente, wie es in der Jurybegründung heißt. Die Kompromisslosigkeit des Films versucht dabei stets, die eigene Scham zu thematisieren und gleichsam zu überwinden. Ein Film, der betroffen macht, der nachdenklich macht und der hängen bleibt.
Noch einmal ganz zurück zu den Trophäen der Berlinale: Ganz zum Schluss, als alle unabhängigen Jurys ihre Preise schon vergeben hatten, vergab das Festival seine offiziellen Preise. Der mit 40.000 Euro ausgestattete Berlinale Documentary Award ging an: IF PIGEONS TURN TO GOLD. Die großen und die kleinen Auszeichnungen schließen sich somit nicht aus – ganz im Gegenteil. Wir werden von diesem Film bestimmt noch hören.
Johannes Litschel ist Geschäftsführer des Bundesverbands kommunale Filmarbeit e.V. und freier Filmjournalist.
Bild: „If Pigeons Turned to Gold“ gewann auch den Berlinale Documentary Award © CLAW Films





