Do you know the Frankenbite? Im Gespräch mit Dr. Manfred Becker (York University Toronto) über Medien und wie sie die Wahrheit inszenieren
„Die Kunst ist eine Lüge“, war schon Pablo Picasso überzeugt. Die Frage nach der „Wahrheit“ wird in der heutigen
„Die Kunst ist eine Lüge“, war schon Pablo Picasso überzeugt. Die Frage nach der „Wahrheit“ wird in der heutigen Medienlandschaft immer virulenter! Sind wir nicht andauernd auf der Suche nach neuen Ereignissen in der digitalen Welt? Dabei stoßen wir permanent auf Inhalte, die sich auf Fakten berufen sollten, aber zunehmend als „Stories“ dramatisiert werden. Also ist es an der Zeit, die Frage nach dem Realitätsgehalt sozialer und traditioneller Medien zu stellen. Im Frühjahr 2025 hatte das Institut der Bildenden Künste an der Pädagogischen Hochschule Freiburg einen Gast aus Kanada: Dr. Manfred Becker, Dozent für Filmproduktion an der York University in Toronto. Sein global angelegtes Forschungsprojekt hat zum Ziel, künftigen Lehrkräften eine kritische Sicht auf die Sozialen Medien näherzubringen. Beckers Herangehensweise ist geprägt von jahrzehntelanger eigener Praxis als Autor, Regisseur und Editor von Dokumentarfilmen – und von einem offenen Geständnis: „Ich habe über 40 Jahre im Schneideraum ‚die Wahrheit erlogen‘!“
Stories werden uns heute maßgeschneidert präsentiert und ihre Elemente oft aus dem Zusammenhang gerissen, nicht nur in Spiel-, sondern zunehmend auch in Dokumentarfilmen. Was konsumieren wir eigentlich – Realität oder Fiktion? Dazu führten Johannes und Rosanna Stiller ein Gespräch mit Manfred Becker.
Kultur Joker: Herr Becker, Sie sagen, unsere Realität sei heute vielschichtiger als gedacht. Woran liegt das?
Becker: Nachrichten und Dokumentarfilme werden zunehmend wie Geschichten erzählt. Das verändert, wie wir die Welt sehen – und wie wir uns selbst als Teil davon verstehen.
Kultur Joker: Gleichzeitig erleben wir die Welt immer mehr durchs Smartphone.
Becker: Genau. Direkte Erfahrung tritt zurück, stattdessen dominiert eine Medienrealität, die stark von kommerziellen Interessen geprägt ist.
Kultur Joker: Was bedeutet das für Filmemacher:innen?
Becker: Es sollten die Fakten respektiert und nicht aus Gründen der Dramatik verfälscht werden. Viele erkennen Manipulationen in Bild und Ton kaum, besonders angesichts der schnellen KI-Entwicklung.
Kultur Joker: Wie gehen Sie damit in der Lehre um?
Becker: Die Teilnehmenden sollen erfahren, wie „Realitäten“ durch die bewusste Anordnung von Bildern und Tönen konstruiert werden. Do you know the „Frankenbite“? Das ist eine Audioschnitttechnik. Dabei werden Sprecher:innen die Worte regelrecht im Mund umgedreht, indem echte „soundbites“, einzelne Wörter oder Satzfragmente, neu so montiert werden, dass der Eindruck einer authentischen Aussage entsteht.
Kultur Joker: Was macht das für Sie so spannend?
Becker: Weil jeder Schnitt Emotionen erzeugt, bewusst gesteuert wie beim Pawlowschen Hund. Diese Wirkung ist faszinierend – und bringt zugleich eine große Verantwortung mit sich.
Kultur Joker: Bei wem liegt diese Verantwortung?
Becker: Vor allem auch beim Individuum. Medienkompetenz kann man nicht verordnen. Sie ist kulturell unterschiedlich geprägt und muss ständig neu erarbeitet werden, da sie nicht zu definieren ist.
Kultur Joker: Wie kann dies am besten gelingen?
Becker: Im Dialog zwischen digitalen Immigranten und der vernetzten Generation entstehen neue Einsichten. Demokratischer Diskurs bedeutet für mich, die eigene Echokammer zu verlassen, auch Andersdenkenden zuzuhören und von den Erfahrungen der Digital Natives zu lernen. So kann ich meine Position in der komplexen Medienwelt überdenken. Es besteht ja nicht nur die Gefahr, Fake News zu glauben, sondern das Vertrauen in empirische Informationen insgesamt zu verlieren – gesteigerte Skepsis kann auch in Zynismus oder Fatalismus kippen.
Kultur Joker: Vielen Dank!
Bild: Johannes und Rosanna Stiller im Gespräch mit Manfred Becker Foto: M. Klant





