Lesung: Susan Neiman: Nennen wir es böse

Nicht selten scheint die schärfste Waffe gegen die grassierende Skrupellosigkeit unserer Zeit: ein einziges, unverblümtes Wort. Meisterdenkerin Susan Neiman – einst gefeierte Philosophin in Yale und Tel Aviv, heute bundesweit bekannte Leiterin des Einstein Forums – hat lange genug zugesehen, wie sich Machtmissbrauch und Geldgier bloß als Resultate „schwieriger Zeiten“ tarnen. In ihrem bahnbrechenden Buch über den Moralbegriff der Trump-Ära, „Nennen wir es böse“, räumt sie in bekannter Deutlichkeit auf: Denn wer politisches Fehlverhalten nicht benennt, macht sich an seiner Normalisierung mitschuldig. Mit dem kühlen Kopf der Kant-Schülerin und dem Furor einer, die genug hat, seziert Neiman, wie Demokratien verlernt haben, sich über das offenkundig Böse in der Gesellschaft zu empören – und so erst recht sturmreif für den Radikalismus geworden sind.